Triumph gegen den Tabellenführer

Ein frisch gezapftes Oettinger Pils auf der einen Seite des Tisches, ein Glas mit stillem Wasser auf der anderen: Der Ausgang des Spitzenspiels der 2. Basketball-Bundesliga ProA ließ sich ohne Weiteres auch an der Wahl der Getränke bei der Pressekonferenz ablesen.

Hinter dem Bier hatte Gothas Head Coach Chris Ensminger Platz genommen, hinter dem Wasser sein Würzburger Kollege und langjähriger Freund Doug Spradley. Letzterer musste sich gestern seinem ehemaligen Teamkollegen und späteren Schützling geschlagen geben. Denn die Rockets triumphierten in der ausverkauften „Blauen Hölle“ gegen den Tabellenführer s.Oliver Baskets mit 77:74 (33:38) und bauten somit ihre beiden stolzen Serien aus: Der Sieg im Spitzenspiel war der fünfte in Folge und der sechste Heimsieg in Serie. Zugleich ist dieser Erfolg auch die beste Einstimmung auf das bevorstehende Thüringen-Derby am kommenden Sonntag in Jena. Kein Wunder also, dass der Jubel bei Spielern, Trainern, Betreuern und Fans keine Grenzen kannte. Sinnbildlich dafür stand letztlich das finale Freundentänzchen, dass Steven Esterkamp nach „Chris Dancemingers“ Vorbild im Mittelkreis aufführte. Der Assistant Coach war am Tag vor dem siebten Heimspiel der Saison Vater geworden.

Daran, dass die Partie dem Anspruch eines Spitzenspiels in vielen Punkten gerecht werden konnte, hatten beide Seiten eine Aktie: sowohl die Teams als auch die Fans, die für großartige Stimmung sorgten. So entwickelte sich ein mitreißendes und sehr intensiv geführtes Duell, in dem sich zwei Mannschaften auf Augenhöhe begegneten. Sie lieferten sich einen an Spannung kaum zu übertreffenden Schlagabtausch, bei dem am Ende Nuancen den Ausschlag geben sollten. Wie ausgeglichen die Begegnung insgesamt verlief, verdeutlicht der Fakt, dass die Führung innerhalb von 40 Minuten 19-mal wechselte: viermal im ersten Viertel, sechsmal im zweiten, fünfmal im dritten und schließlich viermal in den letzten beiden Spielminuten.

Doch der Reihe nach: Den besseren Start erwischten die Gäste, die nach zweieinhalb Minuten mit 5:0 führten. Hingegen hatten die Rockets zu Beginn einige Probleme, nicht zuletzt mit der starken Würzburger Defense. So dauerte es fast drei Minuten, bis Matt Vest die ersten Punkte in dieser Partie für die Rockets erzielen konnte: mit einem Dreier zum 3:5.

Matt Vest war es auch, der erstmals den Ausgleich markierte: Vor den Augen seiner begeisterten Eltern, die in dieser Woche zu Besuch in Gotha weilen, zog der Mann mit der Maske unwiderstehlich zum Korb (11:11 / 7.) und dabei ein Foul der robusteren Art. Zwar konnte er den folgenden Bonus-Freiwurf nicht verwerten. Doch kurz darauf brachte Carlton Guyton sein Team zum ersten Mal in Führung (13:11 / 9.). Wenig später ließ es Will Reinke krachen (15:16 / 9.).

Für den imposanten Abschluss des Auftaktviertels sorgte indes der Würzburger Christian Hoffmann mit einem Buzzer Beater aus der eigenen Hälfte (17:20 /10.).

Ähnlich verlief der zweite Durchgang. Immer wieder wechselte die Führung, ehe sich die Baskets kurz vor der Pause zum zweiten Mal auf fünf Punkte absetzen konnten (33:38 / 20.).

Allerdings zeigten sich die Rockets unbeeindruckt. Im Gegenteil: Der kleine Rückstand sorgte für einen zusätzlichen Kick. Deutlich wurde das in den Anfangsminuten des dritten Abschnitts. Matt Vest schloss den ersten Angriff nach dem Seitenwechsel erfolgreich ab und gab somit das Startsignal für ein imposantes Viertel. Denn den nächsten Angriff vollendete „Vest the best“ mit einem Dreier zum 38:40 (22.). Anschließend versenkte Marco Völler zwei weitere Dreier innerhalb von einer Minute zum 44:42 (23.). In diesem atemberaubenden Tempo und mit vielen spektakulären Aktionen ging’s weiter: Alley-oop Albert Kuppe auf Will Reinke 52:49 (27.). Der nächste Angriff der Würzburger endete schließlich mit einem Rebound in Reinkes Händen. Der Center passte den Ball blitzschnell zum durchgestarteten Matt Vest, der diesen Gegenstoß mit einem Dunking krönte (54:49 /27.).

Zwar konnten die Rockets den Vorsprung zu Beginn des Schlussviertels weiter ausbauen. Brad Lösing erhöhte in der 34. Minute auf 70:61. Dennoch sollte die Führung im Anschluss noch viermal wechseln. Denn Würzburg startete zwischen der 35. und der 39. Minute einen 11:0-Run. So wurde aus Gothas 9-Punkte-Vorsprung ein 2-Punkte-Rückstand.

Doch just in der Crunch-Time war dann einmal mehr Brad Lösing zur Stelle. Der US-Guard markierte 10 seiner insgesamt 19 Punkte, mit denen er zum Top-Scorer der Partie avancierte, im Schlussdurchgang. Dazu zählte auch der wichtigste Dreier des gesamten Spiels zum 73:72 (39.), mit dem er den Lauf der Würzburger stoppte und so den wegweisenden Impuls für die an Spannung und Lautstärke kaum zu übertreffende Schlussminute gab.

„Glückwunsch an Chris und Steven, sie haben einen großartigen Job gemacht und verdient gewonnen“, sagte Baskets-Coach Doug Spradley nach dem Gipfeltreffen in der „Blauen Hölle“. „Ich denke, dass heute das dritte Viertel den Ausschlag gegeben hat – in dieser Phase hat uns Gotha überrannt, da haben wir die Kontrolle und somit auch das Spiel verloren.“

„Ich bin verdammt stolz auf meine Jungs und auch auf unsere Fans – alle zusammen haben heute eine großartige Leistung gezeigt und sich diesen Sieg redlich verdient“, sagte Rockets-Coach Chris Ensminger und machte keinen Hehl daraus, dass es für ihn ein besonderes Erfolgserlebnis ist, dass er das erste Pflichtspiel-Duell gegen einen seiner ehemaligen Trainer gewinnen konnte. Gleichwohl räumte er ein, dass Würzburg einige verletzungsbedingte Ausfälle verkraften musste und in Bestbesetzung nach wie vor die stärkste Mannschaft der Liga ist.

Doch nach dem Spitzenspiel ist vor dem Derby. Deshalb trat Chris Ensminger nach dem gestrigen Triumph auch ganz dezent auf die Euphoriebremse: „Der heutige Sieg ist sicher keine schlechte Voraussetzung für die Partie in Jena. Dennoch werden die Karten dort neu gemischt – das wird mit Sicherheit ein ganz anderes Spiel und gewiss alles andere als ein Selbstläufer!“

Oettinger Rockets Gotha – s.Oliver Baskets 77:74 (33:38)

Viertel: 17:20 / 16:18 (33:38) / 28:18 (61:56) / 16:18 (77:74)

Oettinger Rockets Gotha: Guyton (5 Punkte), Fülle, Hoffmann, Kreis, Harris (1 / 1 von 2 Freiwürfen), Baker (nicht eingesetzt), Vest (15 / 0 von 1 / 3 Dreier), Völler (13 / 2 von 4 / 3), Reinke (16 / 6 von 9), Lösing (19 / 5 von 5 / 2), Kuppe (5 / – / 1)

s.Oliver Baskets: Dourisseau (10 / 4 von 4 / 2), Medlock (15 / 2 von 2/ 1), Ugrai (8 / 3 von 6 / 1), Hoffmann (14 / 2 von 2/ 2), Betz (5 / 2 von 2 / 1), Mallett (1 / 1 von 2), Schneider, Dunbar (3 / 1 von 2), Tinnon, Givens (18 / 2 von 3)

Zweier Gotha: 28 von 36 (50 Prozent)

Zweier Würzburg: 18 von 45 (40 Prozent)

Dreier Gotha: 9 von 22 (41 Prozent)

Dreier Würzburg: 7 von 14 (50 Prozent)

Freiwürfe Gotha: 14 von 21 (67 Prozent)

Freiwürfe Würzburg: 17 von 23 (74 Prozent)

Rebounds Gotha: 32 (10 Offense / 22 Defense)

Rebounds Würzburg: 39 (14 / 25)

Assists Gotha: 15

Assists Würzburg: 13

Ballverluste Gotha: 10

Ballverluste Würzburg: 11

Ballgewinne Gotha: 2

Ballgewinne Würzburg: 3

Zuschauer: 1742 (ausverkauft)

Bilder-Galerie zum Spiel.

Spielbericht der s.Oliver Baskets.