Spitzenleistung beim Spitzenreiter

Drei Tage, zwei Spiele, ein Sieg und eine haarscharf verpasste Sensation: Woran vor dem zweiten Doppelspieltag der Saison 2013/2014 allenfalls kühne Optimisten im Lager der Oettinger Rockets Gotha zu glauben gewagt hatten, ist beinahe Wirklichkeit geworden. Denn nach dem wichtigen Heimsieg gegen die BV Chemnitz 99 vom Freitag konnte sich das Team von Head Coach Chris Ensminger gestern beim Spitzenreiter BG Göttingen abermals steigern – und hätte beinahe das für unmöglich Gehaltene möglich gemacht: nämlich dem Liga-Primus die erste Heimniederlage in dieser Spielzeit beigebracht.

Doch am Ende eines atemberaubenden Basketball-Spiels mit Verlängerung gewann gestern nicht unbedingt die bessere, sondern die tiefer besetzte und zudem glücklichere Mannschaft: Das war in diesem Fall die BG Göttingen, die letztlich mit 94:89 (82:82 / 37:45) die Nase vorne hatte.

Trübsalblasen war bei den Gothaern jedoch nicht angesagt: Die etwa 80 mitgereisten Fans, die einmal mehr für einen lautstarken Support gesorgt hatten, honorierten den bravourösen Auftritt ihrer Mannschaft mit stehenden Ovationen. Sie alle waren stolz auf ihr Team, das erneut eine imposante Leistung gezeigt hatte und nunmehr der einzige Vertreter in der ProA ist, der Göttingen in dieser Serie vor heimischer Kulisse in die Verlängerung zwingen und zuvor drei Viertel gewinnen konnte.

Wenngleich Chris Ensminger diese knappe Niederlage natürlich wurmte, so überwog in seiner Einschätzung zum Spiel das Positive: „Ich freue mich riesig, dass es uns gelungen ist, beim Tabellenführer so eine starke Leistung abzurufen. Vor allem in der ersten Halbzeit haben wir sehr, sehr gut gespielt und verteidigt. Die Mannschaft hat gezeigt, was in ihr steckt – und dass wir noch viel erreichen können in dieser Saison!“

Ungeachtet aller personellen Probleme lieferte der Tabellenzehnte aus Gotha dem Spitzenreiter von der ersten bis zur letzten Minute eine Partie auf Augenhöhe, wobei sich die Augen mitunter auch nur wenige Zentimeter über dem Parkett befanden: Nämlich dann, wenn die Rockets dem Ball hinterher hechteten, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie kämpften furios, agierten ebenso konzentriert wie diszipliniert, bahnten sich in der Offense ein ums andere Mal unerschrocken den Weg zum Korb oder trafen gute Entscheidungen: zum Beispiel Torvoris Baker. Der Gothaer Kapitän verwandelte kurz vor Ende des ersten Viertels einen Dreier und bescherte seinem Team somit die erste Führung (19:17 / 9.). Exakt 32 Sekunden später war dann Gary Johnson zur Stelle und versenkte mit der Sirene den nächsten Dreier (22:20 / 10.).

Im zweiten Viertel bauten die Gäste die Führung aus: Zu Beginn war Marvin Boadu mit einem Drei-Punktspiel (Korb und erfolgreicher Bonusfreiwurf) zum 25:20 (11.) erfolgreich. Am Ende des Durchgangs gelangen ihnen sogar 4 Zähler mit einem Angriff: Nachdem Dmitrij Kreis bei einem Dreipunktwurf gefoult wurde, verwandelte er 2 der fälligen 3 Freiwürfe – beim dritten holte sich Ali Fraser den Rebound und traf umgehend zum 45:37 (20.).

Auch nach dem Seitenwechsel blieben die Rockets am Drücker: Nach den ersten beiden erfolgreichen Angriffen von Ali Fraser und Travis Warech führten sie kurzzeitig zweistellig (49:39 / 22.). In der Folge kam Göttingen allerdings besser in Fahrt, verkürzte zunächst und ging in den letzten drei Minuten des dritten Viertels mit einem 9:2-Lauf in Führung (66:62).

Fortan ging’s Schlag auf Schlag weiter. Beide Seiten lieferten sich auch im Schlussabschnitt eine packende Partie, die zur Freude aller Fans in der Sparkassen-Arena phasenweise Playoff-Charakter besaß: Symbolisch dafür war auch jene Szene, in der Gary Johnson dem Ball hinterher sprintete, selbigen knapp verfehlte und nach einem waghalsigen Sprung über die Werbebande mit beiden Füßen (und sicher) auf einem Pressetisch landete.

Spiegelbild dieses mitreißenden Basketball-Krimis war auch der Spielstand nach 40 Minuten – 82:82. Overtime. Doch selbst hier hatten es die Rockets in der Hand, die Begegnung für sich zu entscheiden. Abermals waren es Ali Fraser und Travis Warech, die Gotha mit 87:86 in Front brachten. Es folgten die letztlich entscheidenden Szenen: Zunächst pflückte Dmitrij Kreis einen Defensiv-Rebound – beim anschließenden Angriff verfehlte Travis Warech den Korb und die 89:86-Führung um Haaresbreite. Mehr Glück hatte Dominik Spohr im Gegenzug: Sein Dreier fand das Ziel – 89:87 für Göttingen.

Zwar konnte Dmitrij Kreis 34 Sekunden vor Ablauf der Verlängerung erneut ausgleichen. Doch anschließend erzielte ausgerechnet Jeramine Mallet, der zwischenzeitlich heftig mit seinem Coach Johan Roijakkers aneinandergeraten war, mit einem erfolgreichen Dreipunkt-Spiel zum 92:89 die endgültige Entscheidung.

So bitter es ist – letztlich müssen sich die Rockets an die eigene Nase fassen. Denn den greifbar nahen Sieg haben sie bereits vor der Verlängerung sinnbildlich an der Freiwurflinie liegen lassen. Obwohl sie zu den besten Freiwurf-Teams der Liga zählen und im Durchschnitt 75 Prozent treffen, konnten sie gestern lediglich 10 von 19 Versuchen verwandeln (53 Prozent).

Dennoch zogen sowohl die Trainer als auch die Fans beider Teams den Hut vor den Rockets, deren couragierte Leistung zweifellos Appetit auf mehr macht. So freuten sich die Gothaer Anhänger bereits kurz nach dem Ende der Partie in Göttingen auf das bevorstehende Heimspiel gegen die MLP Academics Heidelberg (Samstag / Tip-Off 19 Uhr).

Derweil hatten einige Göttinger Fans beim Verlassen der Sparkassen-Arena nur einen Wunsch: „Hoffentlich treffen wir in den Playoffs nicht auf diese Gothaer…“

BG Göttingen – Oettinger Rockets Gotha 94:89 nach Verlängerung (82:82 / 37:45)

Viertel: 20:22 / 17:23 (37:45) / 29:17 (66:62) / 16:20 (82:82)     Verlängerung: 12:7 (94:89)

BG Göttingen: Majok (2 Punkte), Liyanage, Grimaldi (2), Ruoff (19 / 3 von 5 / 2), Spohr (15 / 6 von 8 / 3), Mallet (11 / 7 von 9), Godbold (10 / – / 2), Onwuegbuzie (nicht eingesetzt), Kamp (27 / 7 von 8), Raffington, Donkor (nicht eingesetzt), Dunbar (8 / – / 2)

Oettinger Rockets Gotha: Boadu (3 / 1 von 1), Johnson (7 / 0 von 1 / 1), Beyer (2), Griffin (23 / 4 von 4 / 3), Reilly (nicht eingesetzt), Kreis (10 / 3 von 5 / 1), Fraser (20 / 0 von 4), Heberlein (1 / 1 von 2), Warech (16 / 1 von 2 / 1), Baker (7 / – / 1)

Zweier Göttingen: 22 von 41 (54 Prozent)

Zweier Gotha: 29 von 52 (56 Prozent)

Dreier Göttingen: 9 von 27 (33 Prozent)

Dreier Gotha: 7 von 19 (37 Prozent)

Freiwürfe Göttingen: 23 von 30 (77 Prozent)

Freiwürfe Gotha: 10 von 19 (53 Prozent)

Rebounds Göttingen: 42 (14 Offense / 28 Defense)

Rebounds Gotha: 37 (12 / 25)

Assists Göttingen: 17

Assists Gotha: 14

Ballverluste Göttingen: 16

Ballverluste Gotha: 15

Ballgewinne Göttingen: 3

Ballgewinne Gotha: 2

Zuschauer: 2781

Spielbericht der BG Göttingen.