Rockets rauben Baskets Nerv und Nimbus

Wenn ein Regisseur das Drehbuch für die Saison 2014/2015 der Oettinger Rockets geschrieben hätte, würde ihm spätestens jetzt ein Preis für eine brillante dramaturgische Leistung gebühren. Denn nach vielen großartigen Vorstellungen und einem kleinen Durchhänger auf der Zielgeraden der Hauptrunde erstürmten die Gothaer gestern im zweiten Spiel des Halbfinales gegen die s.Oliver Baskets in imposanter Manier den vorläufigen Gipfel. In einer an Spannung, Intensität und Stimmung schwer zu übertreffenden Playoff-Schlacht rang die Mannschaft von Head Coach Chris Ensminger den ungekrönten Liga-Primus aus Würzburg mit 67:61 (38:34) nieder. Somit erzielten die Hausherren in der Best-of-five-Serie den wichtigen Ausgleich zum 1:1 – und erzwangen ein zweites Heimspiel (Sonntag / Tip-Off: 17 Uhr).

Besonderes Gewicht bekommt der Triumph dadurch, dass die Rockets die stattliche Siegeserie der Gäste beendeten, die zuvor 22 Spiele in Folge gewonnen hatten. Die letzte Niederlage datierte aus dem November 2014. Damals mussten sich die Würzburger, deren großes Ziel der direkte Wiederaufstieg in die Beko Basketball-Bundesliga ist, an gleicher Stelle zum zweiten und letzten Mal in der Hauptrunde geschlagen geben. Ausgerechnet jetzt, in der heißen Phase der Playoffs, verloren sie in der „Blauen Hölle“ den Nimbus des „Unbesiegbaren“. Diese Tatsache ist zweifelsfrei ein psychologischer Pluspunkt für die Rockets.

Mit anderen Worten: Spätestens nach dem zweiten Spiel zeichnet sich ab, dass diese Serie im Kopf entschieden werden kann. Die passende Botschaft dazu hatte das Erfurter Duo „Mbp & Magma“ (Rap/Hip-Hop) auf Lager, das bereits in der Halbzeitpause den neuen Rockets-Song auf dem Parkett performte: „Merkt euch den Namen – Oettinger Rockets!!!“

Die eingängigen Liedzeilen der Erfurter Rapper hallten noch lange nach Spielende durch die ausverkaufte „Blaue Hölle“. Spieler, Trainer, Betreuer, Fans und Unterstützer lagen sich überglücklich in den Armen. Der Jubel kannte keine Grenzen!

Wie bereits zum Auftakt der Serie am Samstag in Würzburg dominierte auch im zweiten Spiel die Defense das Geschehen. Abermals lieferten sich beide Seiten sowohl auf dem Parkett als auch auf den Rängen einen packenden Fight auf Augenhöhe. Die ersten Punkte erzielte erneut Evan Harris – diesmal mit einem Korbleger, nicht mit einem Dreier. Fortan ging es Schlag auf Schlag. Allein im ersten Spielabschnitt wechselte die Führung fünfmal.

Zwar konnten sich die Gäste mit einem viertelübergreifenden 11:0-Lauf erstmals deutlich absetzen (16:25 / 12.). Doch das sollte bereits der höchste Vorsprung für die Baskets und zugleich die vielleicht heikelste Situation für die Rockets in dieser Partie gewesen sein. Denn in der Folge kämpften sich die Hausherren, die kurzfristig auf Dmitrij Kreis verzichten mussten, bravourös zurück. Zunächst sorgte Will Reinke mit vier Punkten in Folge dafür, dass der Rückstand nicht größer wurde. Kurz darauf schlug dann Felix Hoffmann zu: Der Würzburger in den Reihen der Gothaer kam von der Bank und läutete mit sieben Zählern innerhalb von drei Minuten einen 17:4-Lauf ein. Seinem wichtigen Dreier zum 28:30 (17.) ließ Albert Kuppe stehenden Fußes einen weiteren folgen (31:32 / 18.). Wenig später brachte Christopher Razis sein Team mit einem Korbleger wieder in Front – seine Punkte zum 35:33 (19.) markierten zugleich den letzten Führungswechsel der Partie.

Nach dem Seitenwechsel knüpften die Rockets dort an, wo sie vor der Pause aufgehört hatten. Immer wieder zwangen sie die Gäste zu Fehlern und zu schwierigen Würfen. Das personifizierte Spiegelbild der überragenden Gothaer Defense sollte am Ende Baskets-Center Darren Fenn sein. Der Routinier und Top-Scorer der Gäste (14,8 Punkte im Schnitt) kam in diesem Spiel nicht über zwei Freiwurf-Punkte hinaus – seine Trefferquote aus dem Feld betrug am Ende null von fünf.

Hingegen konnten sich die Rockets langsam, aber kontinuierlich absetzen. Dabei profitierten sie nicht zuletzt davon, dass sie an diesem Tag – anders als noch zum Auftakt der Serie – die bessere Mannschaft von der Freiwurflinie waren. Während die Gothaer im wegweisenden dritten Viertel acht von neun Freiwürfen verwandeln konnten, ließen die Würzburger nicht nur in dieser Phase der Partie einiges liegen. Auch deshalb wuchs der Vorsprung Punkt für Punkt an. Schließlich sorgte Brad Lösing für die erste zweistellige Führung (54:44 / 29.).

Zu Beginn des Schlussviertels erzielte dann Marco Völler die ersten Punkte zum 58:46 (32.) – sehr zur Freude von Rudi Völler, der zum zweiten Mal ein Spiel seines Sohnes live in der „Blauen Hölle“ verfolgte. Zwar konnten sich die Baskets in der Crunchtime noch einmal auf Schlagdistanz herankämpfen (64:58 / 40.). Doch näher ließen sie die Gothaer nicht mehr herankommen.

Maßgeblichen Anteil am Erfolg hatte einmal mehr Will Reinke. Der Center der Rockets legte in dieser Schlacht sein sechstes Double-Double (13 Punkte / 13 Rebounds) in dieser Saison auf. Gemeinsam mit Brad Lösing (ebenfalls 13 Punkte) avancierte er zum Top-Scorer der Gothaer.

„Wir haben heute erneut eine starke Teamleistung mit einer überragenden Defense gezeigt – ich freue mich riesig für meine Mannschaft und die Fans, die wieder für super Stimmung gesorgt haben“, sagte Chris Ensminger nach dem Spiel. „Ausschlaggebend für diesen Triumph waren unser unbändiger Kampfgeist, die bessere Freiwurfquote und nicht zuletzt die Jungs von der Bank, die nicht nur im zweiten Viertel mächtig aufgedreht haben. Stellvertretend möchte ich Felix Hoffmann nennen, der ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht hat!“

„Glückwunsch an die Rockets – sie haben mit viel mehr Leidenschaft gespielt und verdient gewonnen“, sagte Gäste-Coach Doug Spradley. „Mit der Leistung meiner Mannschaft bin ich überhaupt nicht zufrieden. Wir hatten heute zu viele Ausfälle, wir waren einfach nicht da. Wir müssen uns bei unseren mitgereisten Fans entschuldigen – es kann nicht sein, dass in so einer Situation die Konzentration nicht da ist und wir nicht bereit sind, unsere Leistung abzurufen. Wir werden das Spiel analysieren, ich hoffe auf eine gute Reaktion meiner Mannschaft am Freitag.“

Oettinger Rockets Gotha – s.Oliver Baskets 67:61 (38:34)

Viertel: 16:19 / 22:15 (38:34) / 18:12 (56:46) / 11:15 (67:61)

Oettinger Rockets Gotha: Guyton (24:19 Minuten / 10 Punkte / 1 Assist / 2 Rebounds), Razis (24:41 / 4 / 7 / 2), Fülle (12:08 / 2 / 0 / 0), Hoffmann (7:13 / 7 / 0 / 1), Harris (8:53 / 5 / 0 / 2), Vest (29:49 / 2 / 0 / 2), Völler (21:49 / 6 / 1 / 3), Reinke (26:38 / 13 / 0 / 13), Lösing (20:37 / 13 / 2 / 3), Kuppe (23:53 / 5 / 0 / 1)

s.Oliver Baskets: Dourisseau (13:47 Minuten /  9 Punkte / 0 Assists / 3 Rebounds), Medlock (33:07 / 14 /  3 / 0), Ebert (nicht eingesetzt), Ugrai (18:12 / 5 / 1 / 2), Spoden (18:37 / 8 / 0 / 7), Hoffmann (6:53), Betz (11:50 / 0 / 0 / 2), Mallett (26:13 / 6 / 1 / 6), Schneider (nicht eingesetzt), Dunbar (28:10 / 7 / 1 / 2), Fenn (22:08 / 2 / 1 / 1), Givens (21:03 / 10 / 1 / 8)

Zweier Gotha: 19 von 37 (51 Prozent)

Zweier Würzburg: 15 von 35 (43 Prozent)

Dreier Gotha: 3 von 15 (20 Prozent)

Dreier Würzburg: 5 von 21 (24 Prozent)

Freiwürfe Gotha: 20 von 30 (67 Prozent)

Freiwürfe Würzburg: 16 von 29 (55 Prozent)

Rebounds Gotha: 39 (11 Offense / 28 Defense)

Rebounds Würzburg: 40 (15 / 25)

Assists Gotha: 11

Assists Würzburg: 8

Ballverluste Gotha: 15

Ballverluste Würzburg: 16

Ballgewinne Gotha: 2

Ballgewinne Würzburg: 3

Zuschauer: 1742 (ausverkauft)

Spielbericht der s.Oliver Baskets.

Bericht zum Spiel von Court-Review.

Bilder-Galerie von Christian Bomberg.