„Matchwinner war unser sechster Mann!“

Es gibt diese Tage, an denen fast alles gelingt. Einen dieser Tage haben die Oettinger Rockets Gotha gestern erwischt. Deutlich wurde das allerspätestens gut anderthalb Stunden nach der Schlusssirene, als Max DiLeo von der Freiwurflinie der einen Hälfte des Spielfeldes einen artistischen Überkopfwurf auf den rund 23 Meter hinter seinem Rücken liegenden Korb abfeuerte, den Ball versenkte und einen finalen Jubelsturm in der „Blauen Hölle“ auslöste.

Mit diesem ganz besonderen „Ausrufezeichen“ sorgte Max DiLeo für den krönenden Abschluss eines Tages, der sich auch ob der dramatischen Vorgeschichte fest ins kollektive Gedächtnis der BiG-Family eingebrannt hat. Denn die Rockets haben im entscheidenden fünften Spiel des Playoff-Viertelfinales gegen die Hamburg Towers mit 81:64 (47:33) die Oberhand behalten und somit zum zweiten Mal in Folge den Einzug ins Playoff-Halbfinale geschafft. Hier treffen die Gothaer auf den Tabellenersten der Hauptrunde, RASTA Vechta. Die erste Partie zwischen beiden Teams, die im Jahr 2012 das Playoff-Finale der 2. Basketball-Bundesliga ProB bestritten und gemeinsam den Aufstieg in die ProA gefeiert haben, steigt am kommenden Donnerstag im RASTA-Dome (Tip-Off: 20 Uhr).

„Das ist zweifellos ein großer Tag für Basketball in Gotha. Deshalb feiern wir heute ein bisschen. Morgen erholen wir uns von den Strapazen der Serie gegen die Towers, ab Dienstag bereiten wir uns auf das erste Spiel in Vechta vor“, sagte Chris Ensminger nach der finalen Schlacht, in der die Rockets die Towers zum dritten Mal in Folge bezwingen und in der Best-of-Five-Serie noch mit 3:2 triumphieren konnten – nach einem 0:2-Rückstand. „Von der Konstellation her erinnert die Paarung für das Halbfinale der Playoffs ein wenig an die vergangene Saison. Damals mussten wir in der Runde der letzten vier Teams gegen die s.Oliver Baskets Würzburg antreten – das war ebenfalls der Liga-Primus, der viele sehr erfahrene Spieler in seinen Reihen und den Aufstieg in die Basketball-Bundesliga als erklärtes Ziel hatte. Auch deshalb steht fest: Das wird mit Sicherheit wieder eine tolle Serie. Denn einerseits verbindet die Fans aus Gotha und Vechta seit dem gemeinsamen Aufstieg in die ProA eine besondere Freundschaft. Andererseits haben wir uns sehr gut in die Playoffs gekämpft, mit drei Siegen in Folge einen ordentlichen Rhythmus, überhaupt keinen Druck und deshalb auch nichts zu verlieren. Alles ist möglich!“

Ganz anders verhielten sich die Dinge gestern. Denn im fünften Spiel der Serie hieß es für beide Seiten: Do or die!

Dass die Gothaer diese schwierige Aufgabe am Ende souverän meistern konnten, war nicht zuletzt auf den Heimvorteil zurückzuführen. Denn die Fans der Rockets erfüllten Chris Ensminger mit riesiger „BiGeisterung“ seinen vorab geäußerten Wunsch, dass es in der restlos ausverkauften „Blauen Hölle“ lauter als je zuvor werden möge. Folglich wusste der Rockets-Coach auch nur zu gut, bei wem er sich besonders zu bedanken hatte: „Unsere Fans sind einmalig. Die Stimmung war wieder sensationell – für mich steht fest: Wir haben zwar eine starke Teamleistung gezeigt, die sich deutlich in 22 Assists widerspiegelt. Aber ,Matchwinner’ war heute unser sechster Mann!“

Ähnlich sah das auch Gäste-Coach Hamed Attarbashi, dem noch lange nach der Begegnung gehörig die Ohren brummten: „Die Stimmung hier ist unglaublich, die Fans sind hungrig und begeistert. Sie haben bereits im vergangenen Dezember das Spiel gedreht, als wir Mitte des dritten Viertels deutlich geführt und am Ende doch noch mit zehn Punkten verloren haben. Aber ich muss auch sagen: Die Gothaer Fans sind sehr fair. Ungeachtet dessen hatten wir heute, anders als in den ersten vier Spielen der Serie, einen schweren Stand. Wir haben am Ende einer packenden Serie und einer starken Saison fair verloren, damit kann ich leben. Glückwunsch an Chris und seine Mannschaft!“

Die Geschichte der letzten Partie einer denkwürdigen Playoff-Serie ist schnell erzählt: Nach einem nervösen Start der Rockets mit vier Ballverlusten in den ersten zwei Minuten konnten sich die Gäste schnell auf 10:5 (4.) absetzen. Doch dann zündeten die Hausherren sämtliche Triebwerke: Allen voran Jordan Riewer, der den ersten Dreier für die Rockets versenkte (8:10 / 5.) und vor dem Seitenwechsel weitere 15 Zähler (!) nachlegte. Deshalb war der 24-jährige Guard am Ende mit seinen 18 Punkten  (bei 100 Prozent Trefferquote aus dem Feld) aus der ersten Halbzeit Top-Scorer der Partie und vor allem der wichtigste Faktor in jener Phase, in der die Weichen auf Sieg gestellt wurden.

Schließlich legte Max Dileo mit dem nächsten erfolgreichen Drei-Punkt-Wurf (13:13 / 7.) den Grundstein für einen viertelübergreifenden 13:0-Run, der den Weg für den weiteren Verlauf der Begegnung ebnete. Kurz darauf schlug erneut „Gun Man“ Jordan Riewer vom Perimeter zu (16:16 / 8.), ehe Kapitän Marco Völler sein Team erstmals in Führung (18:16 / 9.) brachte. Auch deshalb sagte Towers-Trainer Hamed Attarbashi nach der Partie: „In den Minuten vor und nach der ersten Viertelpause haben uns die Gothaer schwindelig gespielt. Sie haben jeden Wurf bekommen, den sie wollten – und auch getroffen!“

So wuchs der Vorsprung in Windeseile an. Nach zwei weiteren Punkten von Marco Völler, der am Ende sein zweites Double-Double (11 Punkte / 12 Rebounds) der Saison auflegen konnte, führten die Gothaer erstmals überhaupt in diesem Spiel und in der gesamten Serie gegen die Hanseaten zweistellig (26:16 / 12.). In diesem Tempo ging’s weiter. Für den tollen Abschluss einer starken ersten Halbzeit sorgte schließlich Joe Lawson mit einem Tip-In (47:33 / 20.).

Während sich die Towers nach dem Seitenwechsel steigern konnten und alles versuchten, um ein ähnliches Comeback zu starten wie ihr Gegner in den Spielen drei und vier, mussten die Rockets dem höllischen Tempo der ersten beiden Abschnitte zwischenzeitlich etwas Tribut zollen. Doch so sehr sich die Gäste auch mühten – näher als acht Punkte zum Ende des dritten Abschnitts (65:57) sollten sie nicht mehr herankommen.

Das lag nicht zuletzt daran, dass Delvon Johnson im Schlussviertel eine imposante Flugshow ablieferte. Der Center der Rockets erzielte innerhalb von drei Minuten mit einem Tip-In und zwei krachenden Alley-oop-Dunks sechs Punkte in Folge und raubte den Hamburgern mit den diesen spektakulären Aktionen das letzte Fünkchen Hoffnung. Auch deshalb konnten die Fans bereits lange vor der Schlusssirene aus voller Kehle skandieren: „Hier – regiert – der – B I G!“

Derweil zollte Chris Ensminger den Hamburgern nach dem Happy End großen Respekt für einen großartigen und fairen Fight vom ersten bis zum fünften Spiel. Dabei konnte er sich auch in die Gefühlslage der Gäste versetzen, denn als Spieler hatte er einst eine ähnliche Serie erlebt. In der Saison 2001/2002 lag „Ense“ mit den Brose Baskets Bamberg (damals 7. der Hauptrunde) in der Playoff-Viertelfinal-Serie gegen die favorisierten Telekom Baskets Bonn (2.) bereits mit 2:0 in Führung und wurde am Ende doch noch abgefangen: Das entscheidende fünfte Spiel in Bonn verlor Bamberg damals denkbar knapp mit 73:75.

Ungeachtet dessen war das gestrige Spiel ganz großes Kino. Passend dazu wird diese Partie auch den Weg auf die Leinwand finden. Denn seit Beginn der Saison begleitete ein Team der Firma „curlypictures“ die Hamburg Towers für einen Dokumentarfilm, dessen Abschluss in den vergangenen zehn Tagen gedreht wurde.

Beim „Finale furioso“ des Streifens haben die Rockets und ihre Fans gestern in der „Blauen Hölle“ die Hauptrolle gespielt!

Oettinger Rockets Gotha – Hamburg Towers 81:64 (47:33)

Viertel: 24:16 / 23:17 (47:33) / 18:24 (65:57) / 16:7 (81:64)

Oettinger Rockets Gotha: Guyton (30:25 Minuten / 15 Punkte / 2 Assists / 1 Rebound), Riewer (22:52 / 18 / 3 / 1), DiLeo (20:11 / 7 / 3 / 1), Razis (22:39 / 5 / 6 / 1), Abdulkader (0:41), Durant (3:29 / 2 / 0 / 0), Lodders (16:45 / 0 / 2 / 3), Woods (5:12 / 0 / 1 / 1), Johnson (19:01 / 6 / 3 / 5), Lawson (26:12 / 17 / 1 / 5), Völler (26:55 / 11 / 1 / 12), Gomila (5:38)

Hamburg Towers: Kone (32:09 Minuten / 10 Punkte / 5 Assists / 4 Rebounds), Roberson (20:36 / 9 / 0 / 4), Canty (32:18 /  16 / 0 / 1), Baues (21:16 / 6 / 0 / 5), Kiese (19:00 / 3 / 0 / 2), Kindzeka (0:55), Ferguson (30:14 / 2 / 2 / 6), Kittmann (15:48 / 4 / 1 / 1), Williams (22:30 / 11 / 1 / 2), Stielow (5:14 / 3 / 0 / 0)

Zweier Gotha: 23 von 41 (56 Prozent)

Zweier Hamburg: 14 von 29 (48 Prozent)

Dreier Gotha: 8 von 17 (47 Prozent)

Dreier Hamburg: 8 von 24 (33 Prozent)

Freiwürfe Gotha: 11 von 18 (61 Prozent)

Freiwürfe Hamburg: 12 von 20 (60 Prozent)

Punkte von der Bank Gotha: 38

Punkte von der Bank Hamburg: 21

Rebounds Gotha: 35 (10 Offense / 25 Defense)

Rebounds Hamburg: 29 (8 / 21)

Assists Gotha: 22

Assists Hamburg: 9

Ballverluste Gotha: 12

Ballverluste Hamburg: 11

Ballgewinne Gotha: 5

Ballgewinne Hamburg: 7

Zuschauer: 1862 (ausverkauft)

Spielbericht der Hamburg Towers.

2. Bundesliga ProA – Playoff-Halbfinale – Spiel 1

Donnerstag 20.00 Uhr, RASTA Vechta – Oettinger Rockets Gotha

(Spielort: RASTA Dome, Pariser Straße 8, 49377 Vechta)