Historischer Overtime-Krimi mit Happy End

Das war nichts für schwache Nerven: Am 26. Spieltag der Saison 2015/2016 haben die Oettinger Rockets ihren Fans ein krasses Wechselbad der Gefühle kredenzt und gleichzeitig Geschichte geschrieben. Im insgesamt 128. Pflichtspiel seit dem Aufstieg in die 2. Basketball-Bundesliga ProA schafften es die Gothaer gestern zum ersten Mal, eine Partie mit zwei Verlängerungen zu absolvieren – und dem packenden Krimi bei den ETB Wohnbau Baskets Essen ein Happy End zu bescheren. Denn nach insgesamt zwei Stunden und 23 Minuten behielt das Team von Head Coach Chris Ensminger mit 103:99 (47:41 / 80:80 / 93:93) die Oberhand.

Somit haben die Rockets erstmals in dieser Saison fünf Siege in Folge verbucht, den dritten Tabellenplatz erfolgreich verteidigt und zugleich einen wichtigen Schritt zum nächsten Etappenziel „Heimrecht in den Playoffs“ gemacht.

Zudem markiert der Erfolg von Essen einen weiteren Meilenstein in der Gesamtentwicklung der Mannschaft: Es war der achte Sieg im 13. Auswärtsspiel der laufenden Serie; folglich steht bereits fest, dass die Rockets am Ende der Hauptrunde erstmals seit Zugehörigkeit zur ProA mehr als die Hälfte ihrer Partien „on the road“ gewonnen haben werden. In den ersten beiden Spielzeiten unter Chris Ensminger stand zum Abschluss der Hauptrunde jeweils eine 6:9-Bilanz für die Begegnungen in fremden Gefilden zu Buche.

Allerdings war es ein verdammt hartes Stück Arbeit, bis dieser Sieg gefeiert werden konnte. Wie eng Freud und Leid letztlich beieinander lagen, zeigte sich zwei Sekunden vor Ende der zweiten Overtime, als Essens Power Forward Paul Albrecht beim Stand von 101:99 für die Gäste den erneuten Ausgleich und die dritte Verlängerung auf der Hand hatte, aber aus Nahdistanz scheiterte und im Anschluss foulte. Die folgenden beiden Freiwürfe verwandelte Jeramie Woods zum Endstand von 103:99 und sorgte somit für die glücklichen Schlusspunkte einer sehr intensiven Partie mit Licht, Schatten und jeder Menge Action. All das spiegelte sich vor allem darin wider, dass die Führung in diesem Spiel insgesamt 13-mal wechselte und der Ausgang bis zur Schlusssirene offen war. Spielentscheidend waren unterm Strich der große Kampfgeist und die ausgeglichener besetzte Bank der Rockets, von der insgesamt 62 Punkte kamen (Essen: 37); allein 19 Zähler gingen dabei auf das Konto von Kapitän Marco Völler, der somit einmal mehr zum Top-Scorer seiner Mannschaft avancierte.

Wegweisend für eine an Spannung kaum zu überbietende Partie verliefen bereits die ersten Minuten. Beide Teams erwischten einen guten Start. Dennoch drückte ein Essener dem Spiel schon in dieser Phase seinen Stempel auf: Marco Buljevic war auf Anhieb „on fire“. Der Shooting Guard des Tabellenvierzehnten unterstrich seine Extra-Klasse und erzielte die ersten elf Punkte für die Baskets – dazu zählten auch drei Dreier in Folge in den ersten zweieinhalb Minuten.

Ungeachtet dessen fanden die Rockets, die zum zweiten Mal auf den angeschlagenen Carlton Guyton verzichten mussten, schnell einen guten Rhythmus. Jordan Riewer gab mit einem Dreier postwendend die Antwort auf den Essener Auftakt (3:3 / 1.); wenig später ließ er seinen zweiten erfolgreichen Versuch vom Perimeter folgen und brachte sein Team erstmals in Führung (10:9 / 4.). Kurz vor Ende des ersten Viertels versenkte Dilhan Durant den dritten Gothaer Dreipunktwurf und sorgte für den ersten zweistelligen Vorsprung (23:13 /10.).

Auch im zweiten Durchgang bewegten die Rockets den Ball gut, fanden immer wieder den freien Mitspieler und trafen hervorragend von außen: Jannik Lodders (2), Jeramie Woods und Gerard Gomila sorgten mit vier weiteren Dreiern dafür, dass zur Pause eine starke Dreier-Quote von 70 Prozent (7 von 10) zu Buche stand. So führten die Gäste zwischenzeitlich mit 41:28 (17.) – dieser Spielstand markierte zugleich den größten Vorsprung der gesamten Partie.

Allerdings leisteten sich die Gothaer auch einige Nachlässigkeiten. Deutlichster Beleg: Die Essener hatten klare Vorteile bei den Rebounds – vor allem in der Offense. So kamen sie ein ums andere Mal zu zweiten Wurfchancen und daraus resultierenden Punkten, die schließlich dafür sorgten, dass sich der Rückstand zur Pause in Grenzen hielt (41:47).

Ein ganz anderes Bild bot sich nach dem Seitenwechsel. Nun waren es die Gastgeber, die das Geschehen bestimmten. Während die Gothaer den Faden verloren, lief es für die Baskets wie am Schnürchen. Allen voran marschierte dabei erneut Marco Buljevic: Er schloss in der 27. Minute einen 11:2-Lauf mit einem weiteren Dreier ab, brachte sein Team wieder in Führung (52:51) und ließ nahtlos fünf weitere Punkte folgen. Wenig später lag Essen mit 59:52 (18.) vorne.

Als die Hausherren zu Beginn des vierten Abschnitts dann sogar auf 69:59 (33.) davonziehen konnten, schien sich eine Entscheidung anzubahnen. Doch in der anschließenden Auszeit fand Chris Ensminger offensichtlich die richtigen Worte. Hatten die Gothaer in den 13 Minuten zuvor lediglich zwölf Punkte erzielt, so ließen sie bis zum Ende des vierten Durchgangs insgesamt 21 Zähler folgen – und zogen den Kopf wieder aus der Schlinge.

Zwar war es vor allem der große Kampfgeist der gesamten Mannschaft, mit dem die Rockets die Weichen auf Erfolg stellten. Dennoch stach am Ende ein Spieler heraus: Max DiLeo.

Der Guard der Rockets sorgte in der Crunch-Time für entscheidende Aktionen. Allein in den letzten drei Minuten des vierten Viertels markierte er sieben Punkte. Dazu zählte auch ein Dreier zum 74:74 (39.) als passende Antwort auf Marco Buljevics siebten und letzten Treffer aus der Distanz an diesem Abend. Schließlich versenkte der Gothaer Energizer 13 Sekunden vor Schluss zwei Freiwürfe zum 80:78 – das vorhergehende Foul kassierte Scharfschütze Buljevic: sein fünftes. Ungeachtet dessen konnte sein Teamkollege Paul Albrecht die Baskets im Gegenzug mit zwei erfolgreichen Freiwürfen (80:80 / 40.) in die Verlängerung werfen.

Obwohl die Gastgeber die Partie mit erheblichen Foul-Problemen fortsetzen mussten, ging der offene Schlagabtausch nahtlos weiter. Kein Team konnte sich absetzen. Das änderte sich erst anderthalb Minuten vor Ablauf der ersten Verlängerung, als Luka Buntic die Baskets mit einem Dreier auf die Siegerstraße (91:86 /44.) schoss.

Doch abermals meldeten sich die Rockets zurück. Und abermals war es Max DiLeo, der mit einem weiteren Big Shot von der Dreierlinie den Ausgleich (93:93 / 45.) markierte und noch einmal fünf zusätzliche Minuten erzwang.

Auch in der zweiten Overtime ging es Schlag auf Schlag. Selbst nach Marco Völlers Dunk zum 101:99 eine knappe Minute vor Schluss, hatten die Baskets noch die Chance, für die dritte Zugabe zu sorgen. Doch dann wurde ausgerechnet Paul Albrecht, der zuvor vor allem an der Freiwurflinie Nervenstärke bewiesen hatte (10 von 10), zum tragischen Held der Essener.

„Dieses Spiel hat mich sehr deutlich in dem bestätigt, was ich vorab gesagt hatte: Die Essener sind viel besser, als es ihre derzeitige Platzierung aussagt – zudem gibt es in dieser Liga keine einfachen Spiele“, sagte Chris Ensminger nach der Begegnung. „Umso mehr freue ich mich, dass wir diese schwere Aufgabe gemeistert haben und unsere gute Entwicklung auch auswärts fortsetzen konnten. Schlüssel zum Erfolg war eine gute Leistung der gesamten Mannschaft – alle haben mindestens zehn Minuten gespielt, gepunktet und in der kritischen Phase mit großem Einsatz dafür gesorgt, dass wir die drohende Niederlage abwenden und einen weiteren wichtigen Sieg einfahren konnten.“

Bereits am kommenden Wochenende können die Rockets das Heimrecht für die Playoffs klar machen. Dann steht der vierte und letzte Doppelspieltag der Hauptrunde auf dem Programm. Los geht’s am Freitag mit dem Heimspiel gegen die MLP Academics Heidelberg (Tip-Off: 20 Uhr), am Sonntag folgt das Auswärtsspiel bei den Hamburg Towers (Tip-Off: 17 Uhr).

ETB Wohnbau Baskets Essen – Oettinger Rockets Gotha 99:103 (41:47 / 80:80 / 93:93)

Viertel: 15:25 / 26:22 (41:47) / 23:12 (64:59) / 16:21 (80:80)

Verlängerungen: 13:13 (93:93) / 6:10 (99:103)

ETB Wohnbau Baskets Essen: Buljevic (36:37 Minuten / 27 Punkte / 2 Assists / 3 Rebounds), Tauch (nicht eingesetzt), Albrecht (24:29 / 14 / 1 / 2), Loyd (3:04), Gebhardt (24:36), Hackenesch (nicht eingesetzt), Buntic (29:35 / 12 / 2 / 5), Bowman (38:19 / 11 / 6 / 2), Wenzel (28:39 / 4 / 2 / 4), Brown (23:24 / 7 / 0 / 6), Johnson (41:19 / 15 / 10 / 2)

Oettinger Rockets Gotha: Lawson (32:52 Minuten / 14 Punkte / 1 Assist / 6 Rebounds), Riewer (33:13 / 16 / 1 / 0), DiLeo (30:38 / 13 / 2 / 4), Razis (20:28 / 0 / 7 / 1), Durant (10:05 / 6 / 1 / 2), Lodders (17:42 / 10 / 0 / 0), Woods (25:40 / 5 / 1 / 2), Johnson (24:15 / 6 / 0 / 8), Völler (28:19 / 19 / 2 / 3), Gomila (26:52 / 14 / 9 / 2)

Zweier Essen: 18 von 44 (41 Prozent)

Zweier Gotha: 22 von 42 (52 Prozent)

Dreier Essen: 12 von 26 (46 Prozent)

Dreier Gotha: 13 von 25 (52 Prozent)

Freiwürfe Essen: 27 von 29 (93 Prozent)

Freiwürfe Gotha: 20 von 24 (83 Prozent)

Punkte von der Bank Essen: 37

Punkte von der Bank Gotha: 62

Rebounds Essen: 37 (15 Offense / 22 Defense)

Rebounds Gotha: 29 (7 / 22)

Assists Essen: 25

Assists Gotha: 24

Ballverluste Essen: 19

Ballverluste Gotha: 18

Ballgewinne Essen: 6

Ballgewinne Gotha: 4

Zuschauer: 580

Spielbericht von basketball.de

Spielbericht der ETB Wohnbau Baskets Essen.