Glückliche Landung nach Höhenflug

Darf’s auch etwas mehr sein? Keine Frage, Freude des gepflegten Nervenkitzels konnten gestern Abend in der „Blauen Hölle“ mal wieder voll auf ihre Kosten kommen: vor allem in den an Spannung kaum zu überbietenden Schlussminuten. Denn nachdem die Oettinger Rockets Gotha im Heimspiel gegen die BG Karlsruhe etwas mehr als 35 Minuten auf einen souveränen Start-Ziel-Sieg zuzusteuern schienen, zwischenzeitlich führten sie bereits mit 21 Punkten (56:35 / 28.), wurde es am Ende der Partie verdammt eng. Exakt 32 Sekunden vor Ultimo konnte der Tabellenletzte aus Baden-Württemberg erstmals in diesem Spiel ausgleichen (74:74). Spätestens in diesem Moment war der Ausgang offen.

Jedem der knapp 1500 Rockets-Fans in der gut gefüllten „Blauen Hölle“ war klar: Der finale Angriff ist ein Fall für Chase Griffin. Der US-Guard, der kurz zuvor bereits die letzten vier Punkte für die Rockets markiert hatte, schloss vier Sekunden vor Schluss aus schwieriger Position auch den letzten Angriff erfolgreich ab (76:74) und avancierte einmal mehr zum Matchwinner.

Zwar hatten die Karlsruher nach einer Auszeit noch einen Einwurf und somit die Möglichkeit, das Spiel in den verbliebenen Sekunden mit einem Dreier zu ihren Gunsten zu entscheiden. Doch in diesen Einwurf hechtete sich Travis Warech hinein und fälschte den Ball ab, so dass die BG keine Angriffsaktion mehr zustande bringen konnte.

Als schließlich die Schlusssirene ertönte, entlud sich die Spannung der letzten Minuten in grenzenlosem Jubel auf der einen Seite und dem Gegenteil auf der anderen. Mit anderen Worten: Freud und Leid lagen einmal mehr eng beieinander.

Während die Rockets mit dem 76:74 (43:29) den dritten Erfolg in Folge feiern konnten und nunmehr mit zehn Siegen aus 19 Spielen zum zweiten Mal in dieser Saison eine positive Bilanz vorweisen können, kassierte die BG Karlsruhe gestern bereits die vierte Zwei-Punkte-Niederlage innerhalb kurzer Zeit. „Das ist natürlich sehr, sehr bitter, ändert aber nichts daran, dass Gotha unterm Strich verdient gewonnen hat“, sagte BG-Coach Torsten Daume nach dem Spiel, dessen Ausgang ein Stück weit auch die späte Revanche für die knappe Niederlage beim letzten Aufeinandertreffen beider Teams in Gotha war. Damals, im November 2012, war Karlsruhe Tabellenzweiter und gewann in der „Blauen Hölle“ mit 78:77, nachdem die Rockets es in der Hand gehabt hatten, die Partie mit dem allerletzten Angriff zu entscheiden.

„Klar, das war heute wieder ein großes Spektakel für die Zuschauer, das hat sich gelohnt“, sagte Rockets-Coach Chris Ensminger bei der Pressekonferenz im Anschluss an das Match, machte aber keinen Hehl daraus, dass er auf die letzten fünf Minuten gerne verzichtet hätte.

„Wir haben drei Viertel lang sehr gut gespielt und stark verteidigt. Aber im letzten Viertel kassieren wir 31 Punkte, 21 davon in den letzten vier Minuten – das ist nicht so gut…“

Wenngleich in den letzten Sekunden gewiss auch das Glück eine Rolle spielte, so war es doch das Glück des Tüchtigen. Schließlich hatten die Gothaer vor dem Schlussviertel-Krimi eine starke Leistung gezeigt. Wegweisend war dabei schon der gewonnene Sprungball von Leo Niebuhr, der zu einem 8:0-Lauf in den ersten beiden Minuten führte. Bereits Mitte des ersten Abschnitts lagen die Hausherren nach einem erfolgreichen Wurf von Chase Griffin erstmals zweistellig (15:4 / 4.) in Führung.  Grundstein dafür war vor allem die gute Verteidigung, die dem Team von Torsten Daume zunächst wenig Spielraum ließ.

Doch schon vor dem Seitenwechsel machte Karlsruhe deutlich, dass die Mannschaft so schnell nicht aufgibt und keineswegs unterschätzt werden darf. Denn zwischenzeitlich gelang es den Gästen, auf vier Zähler zu verkürzen (22:18 / 11.). Anschließend bestimmten die Gothaer wieder das Geschehen. Abermals schraubten sie den Vorsprung in den zweistelligen Bereich – teilweise mit spektakulären Aktionen: zum Beispiel Leo Niebuhrs Dunking zum 37:24 (18.), dem ein tolles Anspiel von Dmitrij Kreis vorausging.

Dass es im Schlussviertel noch einmal spannend wurde, war auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Einerseits hatte Karlsruhe Ende des dritten Durchgangs die Verteidigung auf eine Ganzfeld-Presse umgestellt und damit Erfolg. Andererseits leisteten sich die Rockets im Gefühl des sicheren Sieges ein paar Fehler zu viel. Das Ganze nahm dann eine bedrohliche Eigendynamik und mündete letztlich in einem Zittersieg.

Dennoch war für Chris Ensminger am Ende des Tages das sinnbildliche Glas mindestens halbvoll: „Wir sind auf einem guten Weg und möchten uns weiter von Spiel zu Spiel verbessern. Am Ende der Saison, also wenn’s darauf ankommt, wollen wir unsere besten Leistungen abrufen. Und ich bin mir sicher: Meine Mannschaft kann noch viel besser spielen!“

Besser spielen müssen die Rockets gewiss am nächsten Samstag. Dann gastiert BBL-Absteiger Gießen 46ers in der „Blauen Hölle“. Die Hessen, gegen die das Gothaer Team im Hinspiel mit 91:89 nach Verlängerung triumphiert hatte, sind aktuell die Nummer vier der Tabelle und zählen zu den besten Defense-Teams der ProA. Kurzum: Den Rockets steht der nächste Härtetest bevor.

Oettinger Rockets Gotha – BG Karlsruhe 76:74 (43:29)

Viertel: 22:16 / 21:13 / 14:14 / 19:31

Oettinger Rockets Gotha: Johnson (3 Punkte / – / 1 Dreier), Griffin (17 / 2 von 2 Freiwürfen / 1), Reilly (nicht eingesetzt), Niebuhr (20 / 4 von 7), Kreis (7 / – / 1), Fraser (6 / 2 von 5), Heberlein (2), Warech (10), Baker (11 / 4 von 4 / 1), Selvig

BG Karlsruhe: Calvin, Roessler (11 / – / 1), Schwartz (3 / – / 1), Büchert (11 / 1 von 2), Pane, Black (13 / 7 von 10), Bannister (16 / 4 von 4 / 2), Komarek (2), Menck (nicht eingesetzt), Ferguson (18 / – / 4)

Zweier Gotha: 26 von 38 (68 Prozent)

Zweier Karlsruhe: 19 von 36 (53 Prozent)

Dreier Gotha: 4 von 11 (36 Prozent)

Dreier Karlsruhe: 8 von 27 (30 Prozent)

Freiwürfe Gotha: 12 von 18 (67 Prozent)

Freiwürfe Karlsruhe: 12 von 16 (75 Prozent)

Rebounds Gotha: 30 (4 Offense / 26 Defense)

Rebounds Karlsruhe: 28 (10 / 18)

Assists Gotha: 18

Assists Karlsruhe: 11

Ballverluste Gotha: 15

Ballverluste Karlsruhe: 11

Ballgewinne Gotha: 4

Ballgewinne Karlsruhe: 1

Zuschauer: 1528

Spielbericht der BG Karlsruhe.

Rockets-Bilder-Galerie zum Spiel.