„Chris Ensminger ist nach wie vor präsent in Berlin“

Marco Baldi ist einer der erfolgreichsten Manager der Basketball-Bundesliga – und der  dienstälteste dazu. Vor 26 Jahren begann der Aufbauspieler von einst mit dem Aufbau von ALBA Berlin. Seither hat der Club aus der Hauptstadt insgesamt achtmal die Deutsche Meisterschaft und neunmal den Pokal-Wettbewerb gewonnen. Am kommenden Dienstag, 23. August, landen die „Albatrosse“ erstmals in Erfurt. Denn dann steigt in der Messe Erfurt die Einzugsparty der Oettinger Rockets. Ein Gespräch mit Marco Baldi über deutsche Dinosaurier, die Berliner Sicht auf das Programm der Oettinger Rockets, ein prägendes Treffen mit Dirk Kollmar und Konkurrenz, die das Geschäft belebt.

Herr Baldi, Sie haben gemeinsam mit Wolfgang Heyder die Weichen für das Testspiel zwischen den Oettinger Rockets und ALBA Berlin in der Messe Erfurt gestellt. In diesem Zusammenhang ist die Frage programmiert: Seit wann wussten Sie eigentlich, dass Wolfgang Heyder nach einem kurzen Abstecher zum Handball sein Comeback im deutschen Basketball geben und sich für die Oettinger Rockets ins Zeug legen will?

Er hat mich vor längerer Zeit mal angerufen. Wir haben uns lange unterhalten, da hat er mir dann auch erzählt, dass er sich jetzt bei den Oettinger Rockets engagieren wird.

Hat Sie dieser Schritt überrascht?

Nein, er hat mich nicht überrascht, sondern vielmehr gefreut. Denn Wolfgang ist für mich so ein Uralt-Weggefährte, er gehört wie ich zu den Dinosauriern im deutschen Basketball. Ich kenne ihn inzwischen schon 30 Jahre. Er ist ein fähiger und rühriger Manager, ein absoluter Basketball-Junkie. Ich finde es gut, dass er seinen „Irrweg“ in den Handball – das ist jetzt ironisch gemeint – beendet hat und sich wieder dem Basketball widmet. Denn genau dort gehört er hin, genau dort brauchen wir ihn!

Mussten Sie lange überlegen, als Wolfgang Heyder Sie gefragt hat, ob ALBA Berlin zum ersten Testspiel in der Messe Erfurt antreten könnte?

Nein, Wolfgang hatte mir gesagt, worum es geht. Und da war aus mehreren Gründen sofort klar: Wenn wir das zeitlich auf die Reihe kriegen, dann sind wir dabei!

Sie sprachen gerade von mehreren Gründen. Welche sind das?

Nun, ich weiß, die Rockets und das gesamte Programm haben sich sehr gut entwickelt, da spürt man den unbedingten Willen und den Ehrgeiz, dass dort etwas in Richtung Basketball-Bundesliga wachsen soll. Jetzt nimmt man den nächsten Schritt in Angriff. Da leistet ALBA Berlin gerne einen Beitrag.

Offensichtlich sind die Rockets keine „große Unbekannte“ für Sie. Verfolgen Sie die Entwicklung in Thüringen aus der Berliner Perspektive?

Natürlich, da spielt auch der Name Chris Ensminger eine Rolle, dessen Werdegang ich aufmerksam verfolgt habe. Er ist ja ein Spieler-Typ, der die Basketball-Bundesliga geprägt hat, und jetzt auch als Trainer konsequent seinen Weg geht.

Gibt es weitere Berührungspunkte?

Ja. Ich kannte Dirk Kollmar persönlich. Als ich ihn vor vielen Jahren zum ersten Mal traf, war mir recht schnell klar: Das ist ein ganz seriöser Mann mit klaren Vorstellungen und einer Vision. In seiner Organisation steht alles auf einem soliden Fundament, dort wird langfristig und nachhaltig gearbeitet. Mir sind diese Strukturen lieber, wo ich weiß: Da sind Menschen am Werk, die eine Vision haben und diese mit der gebotenen Hartnäckigkeit umsetzen wollen. Umso schöner ist, dass die Arbeit von Dirk Kollmar jetzt in seinem Sinne weitergeführt und vorangetrieben wird.

Das lässt sich auch an den Erfolgen der JBBL-Mannschaft der Oettinger Junior Rockets ablesen, in der Dirk Kollmars Sohn Kevin spielt. Das Team hat in der zurückliegenden Saison als Aufsteiger das Final-Four knapp verpasst und auch zweimal gegen ALBA Berlin gewonnen!

Das habe ich natürlich mitbekommen, auch an dieser Stelle spiegelt sich wider, was ich gerade gesagt habe. Denn die Nachwuchsarbeit ist ein ganz wichtiger Punkt, weil Kinder und Jugendliche das gesunde Fundament für jede Profi-Mannschaft bilden. Diese Arbeit ist ja auch eine Verantwortung, die man für die jeweilige Region hat: Dass man nicht nur Events zelebriert, sondern man auch eine Verankerung herstellt. Dass Menschen, die in der Region leben, aktiv an dem Club teilnehmen können. Dass man in Schulen aktiv ist und und und… Das sieht man bei Basketball in Gotha ja offensichtlich genauso!

Einer der Leistungsträger der Oettinger Junior Rockets ist Zach Ensminger, der Sohn von Rockets-Coach Chris Ensminger. „Ense“ war ja zu seiner Zeit als Spieler sehr populär in Berlin…

…das kann man durchaus so sagen. Und Chris Ensminger ist in Berlin ja nach wie vor sehr präsent. Die „Ensminger raus!“-Rufe gibt’s heute noch, wenn ein Fan der Meinung ist, dass ein Foul – naja, sagen wir mal – sehr kompromisslos war (lacht). An der Stelle muss ich sagen: Diesen Kult-Status hat sich Chris Ensminger über viele Jahre im wahren Wortsinn sehr hart erarbeitet!

Freuen Sie sich auf das Wiedersehen mit ihm?

Das müssen wir leider vertagen. Ich kann am Dienstag nicht mit in Erfurt sein, weil ich meinen Urlaub nur in diese Woche legen konnte, das ging nicht anders. Aber vielleicht passt das ja ein anderes Mal.

Nochmal zurück zum Nachwuchs: Hierzulande ist ALBA auch für sein sehr erfolgreiches Nachwuchsprogramm bekannt. Einige Berliner Talente waren auch schon für die Rockets am Ball. Haben Sie deren Entwicklung verfolgt?

Klar, der erste war ja 2011 Konstantin Klein, der von ALBA zu den Rockets wechselte, 2014 war es dann Sebastian Fülle. Die Jungs, die in Berlin aufgewachsen sind, verfolge ich natürlich sehr aufmerksam.

Jetzt absolviert ALBA in Erfurt das allererste Testspiel mit seinem neuen Team für die Saison 2016/2017. Welche Erwartungen verknüpfen Sie mit diesem Spiel?

Wir sind ja ganz am Anfang der Vorbereitung, den Rockets geht es sicher ähnlich. Da ist es schwer, eine konkrete Erwartungshaltung zu definieren. Natürlich rechnen wir mit einem hoch motivierten Gastgeber, der einem Top-Erstligisten zeigen möchte, wo es langgeht…

…und 2000 Zuschauer plus X im Rücken hat – das ist jedenfalls die Erwartungshaltung der Oettinger Rockets. Und die Vorzeichen stehen gut.

Das ist auf alle Fälle eine Ansage. Eine stimmungsvolle Partie ist ja mit Sicherheit im Sinne aller Beteiligten, also auch in unserem. Ungeachtet dessen: Wenn man spielt, will man gewinnen!

In der zurückliegenden Saison hat ALBA Berlin den Pokal-Wettbewerb gewonnen, in den Playoffs war gegen die Fraport Skyliners Endstation. Im Anschluss gab es einige Veränderungen. Mit welchen Zielen wird die Saison 2016/2017 in Angriff genommen?

Aktuell zählen sieben Spieler aus dem letztjährigen Kader zum Team – die größte Veränderung gibt es an der Spitze des Trainer-Stabes. Wir haben mit Ahmet Caki einen neuen Head Coach, der eine neue Handschrift etablieren wird. Das ist natürlich auch der Punkt, auf den hier in Berlin alle gespannt sind. Grundsätzlich ist es aber noch zu früh, um konkrete Ziele öffentlich auszusprechen.

Dennoch steht fest: Wir werden auch in dieser Saison nicht die Mannschaft mit den besten Einzelspielern der Liga sein. Wir können nur als perfekt eingespieltes Team Erfolg haben, das geschlossen auftritt, sehr intensiv agiert, stark verteidigt, schnell spielt. Wenn uns das gelingt, können wir weit vorne landen, da bin ich mir sicher!

Abschließend: Das Ziel der Oettinger Rockets für die nächsten beiden Jahre ist der Aufstieg in die Basketball-Bundesliga. Sehen Sie in dem Team mit Wolfgang Heyder an vorderster Front einen künftigen Konkurrenten heranwachsen oder ist das übertrieben?

Überhaupt nicht, wir leben von guter Konkurrenz. Das hört sich jetzt vielleicht wahnsinnig altruistisch an, aber ich bin lange genug dabei, habe viele kommen und gehen sehen, um an dieser Stelle sagen zu können: Jeder Standort, an dem nachhaltige Arbeit geleistet wird und gute Projekte vorangetrieben werden, ist auch gut für uns. Wir leben nicht nur von starken Gegnern, sondern auch von attraktiven Programmen, die eine Ambition haben, die breit aufgestellt sind und die Menschen begeistern. Davon profitieren hierzulande am Ende alle, denen unser Sport am Herzen liegt. Insofern: Nur zu, wir freuen uns über jeden Konkurrenten, der das Geschäft belebt!

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Wolfgang Gleichmar.