Blaues Wunder in „Orange City“

Das ist wahrlich eine schöne Bescherung: Die Oettinger Rockets haben gestern für ein blaues Wunder in „Orange City“ gesorgt. In der ausverkauften Hartmann-Halle gewannen die Gothaer das mitteldeutsche Derby gegen die Niners der BV Chemnitz 99 mit 64:50 (28:32).

Dieser Triumph, der erste in Chemnitz seit dem Aufstieg in die 2. Basketball-Bundesliga ProA, markiert den vierten Auswärtssieg in Folge und zugleich den krönenden Abschluss eines erfolgreichen Jahres 2014. In dem hat das BiG-Team erstmals die Playoffs in der ProA erreicht, und aktuell liegt die Mannschaft besser als je zuvor im Rennen. Denn nach Abschluss der Hinrunde gehören die Rockets mit 10 Siegen aus 15 Spielen (3 Siege mehr als in der Hinrunde  der Saison 2013/2014 – 5 mehr als in der Hinrunde der Saison 2012/2013) zum oberen Drittel der Tabelle, sprich: zu den Top-Teams der Liga!

Kein Wunder also, dass die Mannschaft diesen Erfolg gemeinsam mit rund 150 mitgereisten Fans ausgelassen feierte. Die Spieler zelebrierten mit blauen BiG-Fan-Herzen die Humba und bedankten sich im wahren Wortsinn herzlich für die imposante Unterstützung von den Rängen; die Anhänger skandierten wie schon zwei Wochen zuvor in Jena: „Hier regiert der B – I – G!“

Allerdings deutete zunächst wenig auf ein Happy End in Sachsen hin. Denn die Niners erwischten den viel besseren Start. Während bei den Gästen in der Anfangsphase einfach nichts fallen wollte, trafen die Chemnitzer in den ersten Minuten hervorragend: auch von außen. So lagen die Rockets bereits nach wenigen Minuten zweistellig in Rückstand (3:16).

Doch das sollte zugleich der größte Rückstand der Begegnung gewesen sein – mit anderen Worten: Fortan fanden die Gothaer langsam, aber sicher besser ins Spiel. Wegweisend waren dabei zwei Tugenden: Einerseits stellten Rockets einmal mehr ihr großes Kämpferherz unter Beweis, und andererseits spielten sie cleveren Team-Basketball.

Als Sinnbild für die Cleverness stand letztlich Will Reinke. Der US-Center kam einmal mehr von der Bank und brachte eben jene Qualität aufs Feld, die nötig ist, wenn das Gros der Würfe aus der Distanz das Ziel verfehlt. Der ProA-Spieler des Monats November rackerte unermüdlich unter dem gegnerischen Korb und spielte dabei seine ganze Klasse aus.

Will Reinke war es auch, der mit einem krachenden Dunk (10:18 / 12.) das Startsignal für das zweite Viertel und die Aufholjagd gab. Im Anschluss erzielte er weitere 8 Rockets-Punkte in Folge (18:25 / 16.). Dabei wurde der 24-Jährige von seinen Team-Kollegen immer wieder gut in Szene gesetzt, glänzte mitunter aber auch selbst als Vorbereiter.

Unmittelbar nach den 10 Reinke-Punkten am Stück sorgte Matt Vest, der erstmals seit seinem Nasenbeinbruch aus dem Spiel in Kirchheim Ende Oktober ohne Maske auflaufen konnte, mit 4 Big-Points für einen weiteren wichtigen Impuls. Zunächst verwandelte er einen Alley-oop-Pass von Carlton Guyton (20:28 /17.). Den nächsten Angriff der Niners beendete „The best“ an der Mittellinie mit einem Steal, den daraus resultierenden Fastbreak schloss er eigenhändig mit einem Dunk ab (22:28 / 17.).

Wenig später markierte dann Albert Kuppe den ersten Rockets-Dreier (25:28 / 18.). Hatten die Gäste zuvor sechsmal kein Glück vom Perimeter, so folgte nun gleich der zweite Dreier in Folge durch Brad Lösing (28:30 / 20.), der Assist kam von Will Reinke.

Das dritte Viertel begann für die Rockets wie das zweite endete: mit einem Dreier, diesmal von Matt Vest (31:32 /23.). Kurz darauf brachte Brad Lösing sein Team erstmals in dieser Begegnung in Front (35:34 / 25.). Anschließend wechselte die Führung sechsmal innerhalb von drei Minuten, ehe Albert Kuppe mit einem erfolgreichen Korbleger (42:42 / 28.) den Startschuss für einen viertelübergreifenden 17:0-Lauf gab. So machten die Gothaer aus einem knappen Rückstand (40:42 / 28.) eine 15-Punkte-Führung (57:42 / 34.) – die Entscheidung.

Dennoch mussten die Rockets noch eine Schrecksekunde überstehen. Albert Kuppe verletzte sich Mitte des vierten Viertels bei einer Aktion in der Offense am Fuß und musste vom Feld. Einer vorläufigen Diagnose zufolge zog sich „AK 47“ jedoch keine schwere Verletzung zu.

Dass die Niners in der verbliebenen Zeit nicht noch mal auf Schlagdistanz herkommen konnten, lag einerseits daran, dass ihre Trefferquote im Vergleich zu den ersten Spielminuten stark nachließ, andererseits aber auch an der starken Defense der Rockets. Aus der ragte im Schlussviertel erneut Will Reinke heraus: Gothas Center, der in Chemnitz mit 18 Punkten und 13 Rebounds sein viertes Double-Double in dieser Saison auflegte, pflückte scheinbar alles Weg, was vom Ring abprallte. Allein im vierten Durchgang sammelte er sechs Defensiv-Rebounds ein. Zudem ließ er seine Gegenspieler in der Offense einige Male verdammt alt aussehen – ein Umstand, den Niners-Coach Kai Buchmann auch deutlich monierte: „Klar, Will Reinke ist ein richtig guter Big Man, aber eben auch ein nicht ganz so guter Freiwerfer. Dennoch haben wir es nicht geschafft, ihn ein einziges Mal an die Linie zu schicken. Bei insgesamt 10 Teamfouls in diesem Spiel stellt sich dann die Frage, ob wir heute wirklich bereit waren, alles zu geben.“

Sehr zufrieden wirkte hingegen Rockets-Coach Chris Ensminger bei der Pressekonferenz nach dem Spiel: „Wir wussten, dass Chemnitz sehr heimstark ist und es für uns gewiss auch schwierige Phasen zu meistern gibt. Nach dem etwas zähen Start haben wir mit starker Defense, gutem Teamplay und nicht zuletzt mit tollem Inside-Spiel die Weichen auf Sieg gestellt. Abgesehen vom ersten Viertel haben wir einen guten Job gemacht. Ich freue mich für meine Mannschaft und unsere Fans, die uns abermals sehr gut unterstützt haben!“

Doch bei aller Rivalität pflegen Chemnitz und Gotha seit vielen Jahren ein gutes Miteinander. Den Grundstein dafür hatte einst BiG-Präsident Dirk Kollmar gelegt, der im Mai dieses Jahres im Alter von 50 Jahren viel zu früh gestorben war. Er hatte sich vor fünf Jahren für die Spielgemeinschaft BiG Chemnitz stark gemacht, die in der Jugend-Basketball-Bundesliga (JBBL) für Furore sorgte. Deshalb hatten die Chemnitzer nun eine Schweigeminute vor dem Tip-Off initiiert. Anschließend skandierten die Gothaer Fans minutenlang Dirk Kollmars Namen.

Derweil tat die Mannschaft das, was sie mit dem Button „In Memoriam Dirk Kollmar“ auf den Trikots immer tun möchte: Sie trat auf dem Spielfeld in Dirk Kollmars Sinne auf!

Niners BV Chemnitz 99 – Oettinger Rockets Gotha 50:64 (32:28)

Viertel: 18:8 / 14:20 (32:28) / 10:18 (42:46) / 8:18 (50:64)

Niners BV Chemnitz 99: Wilson (10 Punkte / 3 von 4 Freiwürfen / 1 Dreier), Matthews (6 / 1 von 2 / 1), Mixich, Richter (nicht eingesetzt), Heide (0 / 0 von 4), Calvin (11 / 3 von 3), Simon, Bassl (nicht eingesetzt), Osborne, Knutson (13 / 2 von 2 / 1), Bellscheidt (4 / 1 von 2 / 1), Cardenas (6 / 4 von 4)

Oettinger Rockets Gotha: Guyton (7 / – / 1), Fülle, Hoffmann, Harris (5 / 1 von 2), Baker, Vest (10 / 1 von 3 / 1), Völler (5 / 1 von 2), Reinke (18), Lösing (14 / – / 2), Kuppe (5 / – / 1)

Zweier Chemnitz12 von 43 (28 Prozent)

Zweier Gotha: 23 von 47 (47 Prozent)

Dreier Chemnitz4 von 16 (25 Prozent)

Dreier Gotha: 5 von 15 (33 Prozent)

Freiwürfe Chemnitz14 von 21 (67 Prozent)

Freiwürfe Gotha: 3 von 7 (43 Prozent)

Rebounds Chemnitz42 (15 Offense / 27 Defense)

Rebounds Gotha: 37 (9 / 28)

Assists Chemnitz10

Assists Gotha: 12

Ballverluste Chemnitz17

Ballverluste Gotha: 13

Ballgewinne Chemnitz7

Ballgewinne Gotha: 8

Zuschauer: 2600 (ausverkauft)

Spielbericht der BV Chemnitz 99.