Balsam für die Seele

Hochdramatisch, grandios, mordslaut, feucht. Welches dieser Attribute am ehesten auf das gestrige ProA-Heimspiel zwischen Gotha und Göttingen zutrifft, mag der Leser entscheiden. Fakt ist jedoch, dass keines dieser Attribute stark genug ist, um den Moment zu beschreiben, in dem sich die Spannung der über 1.500 Zuschauer in der Blauen Hölle mit einem kollektiven Jubelschrei entlud. Mit der Schluss-Sirene leuchtete auf der Anzeigetafel ein 72:71 – und die Rockets hatten tatsächlich den Tabellenführer besiegt!

Dieser Erfolg mag zunächst ein wenig überraschen, folgt allerdings der Tendenz aus den letzten Spielen. Die ansteigende Formkurve der Oettinger Rockets Gotha ist kein Zufall. Nachdem die Mannschaft bei ihren letzten beiden Siegen ordentlich Selbstvertrauen getankt hat, lässt auch ihre Spielweise zunehmend die Handschrift des Trainergespanns Ensminger/Völkel erkennen. Hohe Intensität, 100 Prozent Einsatz – das ist es, was die Coaches immer wieder fordern. Und mittlerweile auch von ihren Spielern bekommen.

Gestern stellten die Gastgeber von Beginn an klar, dass sie ihr Heimrecht in Punkte ummünzen wollten. Den ersten Korb der Partie erzielt Ali Fraser, dann ist zweimal Marco Grimaldi am Drücker und schießt die Göttinger in Führung. Gotha zeigt sich unbeeindruckt, startet kurze Zeit später einen 9:0-Lauf und zieht auf 13:7 davon. Die letzte Minute des Schlussviertels gehört dann Jan Lipke. Gothas „Energizer“ verwandelt unmittelbar hintereinander zwei Dreier und reißt damit auch das Publikum erstmals von den Sitzen. Verheißungsvoll leuchtet nach zehn Minuten ein Zwischenstand von 21:13 von der Anzeigetafel.

Im zweiten Viertel können die Rockets an ihre zuvor gezeigte Leistung anknüpfen. Mit einer starken Defense machen sie die Räume unter dem eigenen Korb eng und zwingen die Gäste immer wieder zu schwierigen Distanzwürfen. Die sitzen zwar nicht, doch die Göttinger können sich etliche Male den Ball mittels Offensivrebounds zurückholen. Die dünne Reboundquote der Rockets in dieser Phase ist dann auch einer der (wenigen) Kritikpunkte, die Chris Ensminger nach dem Spiel hat. Der 10-Punkte-Vorsprung, den sich Gotha Mitte des Viertels herausgespielt hatte (26:16), schmolz so wieder zusammen – bis zum 31:27-Halbzeitstand.

Während die Spieler in die Kabinen gingen, gab’s für die Helfer in der Blauen Hölle ordentlich was zu tun. Das Parkett wurde mit spezieller Reinigungslösung behandelt, da es während der ersten Halbzeit etliche Wisch-Unterbrechungen gegeben hatte.

In den dritten Durchgang starten die Oettinger Rockets Gotha besser als in den vorangegangenen Partien. Die Mannschaft beweist Mut in der Offense (Dreier von Marcel Heberlein, Hookshot von Leo Niebuhr) und zeigt ihren Kampfgeist (Hechtsprung von Gary Johnson an der Seitenlinie, um einen Ball zu retten). Die Rockets bauen ihren Vorsprung wieder aus und gehen mit einer 8-Punkte-Führung ins Schlussviertel (53:45). Die Augen der Fans beginnen hoffnungsvoll zu leuchten …

… doch zunächst gibt’s einen Dämpfer durch Göttingens Lockenkopf Jeremy Dunbar, der zu Beginn des letzten Viertels mit einem Dreier den Abstand zwischen beiden Teams auf nur noch drei Punkte schmelzen lässt. In solchen Momenten ist schon so manches Spiel „gekippt“ – doch die Rockets bleiben besonnen. Chase Griffin legt noch mal drei Punkte auf. Dann wieder Dunbar. Und auch Gothas Neuzugang Travis Warech traut sich und drückt aus der Distanz ab – Swish, Dreier! Es steht 63:57. Jetzt ist wieder Lipke-Zeit. Erst verwandelt er einen Wurf aus der Nahdistanz, anschließend holt er einen Steal, wird beim folgenden Korbleger gefoult, trifft den Freiwurf. Vier Minuten vor dem Ende steht es 68:58, es stehen auch alle Fans in der Halle. Eine La-Ola-Welle macht die Runde – der Sieg ist fast schon greifbar.

Doch ein Tabellenführer gibt sich so leicht nicht geschlagen. Erst schickt Jeremy Dunbar einen Dreier durch Gothas Reuse, und kurz vor Ultimo schiebt Alex Ruoff noch zwei Treffer aus der Distanz hinterher. Auszeit für Gotha. Die Schluss-Sequenz: Nach zwei erfolglosen Gothaer Angriffen sitzen die Gäste den Rockets im Nacken, es steht 72:71. Die verbleibende Spielzeit beträgt 4,7 Sekunden. Göttingen ist in Ballbesitz. Zwei Pässe, tick, tick, tick, Alex Ruoff wird von Ali Fraser eng verteidigt, nimmt aber dennoch den Wurf – und verfehlt! Die Sensation ist perfekt, und gewaltiger Jubel bricht aus!

„Dieses Spiel hatte Playoff-Charakter,“ sagt Chris Ensminger in der anschließenden Pressekonferenz. „Hohe Intensität, starke Defense und Super-Stimmung! Wenn wir so weiterspielen, dann haben sowohl Team als auch Fans demnächst noch richtig viel Spaß.“ Ensminger lobt seine Mannschaft: „Das war heute eine starke Leistung. Der Schlüssel zum Sieg lag in der Verteidigung. Wir wollten Göttingen maximal 75 Punkte gestatten, und das ist uns gelungen.“ Doch auch Gästetrainer Johan Roijakkers zeigte sich mit seinem Team sehr zufrieden: „Aus meiner Sicht haben wir heute unser bestes Saisonspiel gezeigt. In den bisherigen Partien haben wir zwar offensiv überzeugt, aber heute hat endlich auch mal die Defense gestimmt. Ein verlorenes Spiel ist nicht schlimm. Unser Ziel ist es, die Playoffs zu erreichen. Dann geht’s erst richtig los.“

Die nächsten Schritte in Richtung Playoffs wollen nun auch die Oettinger Rockets Gotha machen. Am Freitag und Sonntag kommender Woche stehen zwei schwere Auswärtsspiele auf dem Programm (in Crailsheim und Kirchheim). Mit dem gestrigen Erfolg haben die Rockets  nicht nur ihr Punktekonto ausgeglichen und sind auf den 10. Tabellenplatz geklettert, sondern haben sich auch selbst Balsam für die Seele beschert.

So kann’s weitergehen.

Oettinger Rockets Gotha – BG Göttingen  72:71 (31:27)

Viertel: 21:13 / 10:14 / 22:18 / 19:26

Oettinger Rockets Gotha: Johnson, Lipke (17 Punkte / 3/3 Freiwürfen / 2 Dreier), Griffin (21 / – / 3), Watson (nicht eingesetzt), Niebuhr (12 / 4/4 / -), Kreis, Fraser (10 / 2/4 / -), Schaffrath (2 / 2/2 / -), Heberlein 3 (3 / – / 1), Warech (4 / 1/2 / 1), Baker (3 / 3/4 / -), Selvig

BG Göttingen: Liyanage (nicht eingesetzt), Grimaldi (10 Punkte / 3/4 Freiwürfen / 1), Ruoff (14 / 1/2 / 3), Spohr, Mallet (16 / 4/5 / -), Godbold (3 / – / 1), Kamp (14 / 2/2 / -), Raffington (5 / 1/2 / -), Davis, Donkor (nicht eingesetzt), Dunbar (9 / – / 3)

Zweier Gotha: 18 von 38 (47 Prozent)

Zweier Göttingen: 18 von 40 (45 Prozent)

Dreier Gotha: 7 von 21 (33 Prozent)

Dreier Göttingen: 8 von 24 (33 Prozent)

Freiwürfe Gotha: 15 von 21 (71 Prozent)

Freiwürfe Göttingen: 11 von 15 (73 Prozent)

Rebounds Gotha: 33 (6 Offense / 27 Defense)

Rebounds Göttingen: 42 (12 / 30)

Assists Gotha: 12

Assists Göttingen: 12

Turnover Gotha: 10

Turnover Göttingen: 14

Zuschauer: 1.535

Spielbericht der BG Göttingen.

Fotos zum Spiel (Facebook-Album).